2026-02-02 20:24:00
Leipzig. Der Name Jahrtausendfeld trägt bereits eine Vision in sich. Seit 1999 bezeichnet er einen konkreten Ort im Westen der Stadt, einen Acker, der erst 135 Jahre zuvor zur Fabrik gemacht worden war, um hier die weltweit ersten industriell gefertigten Pflüge zu produzieren. Nun, von der TLG abgewickelt, war die Fabrik schon wieder abgerissen – und eine der größten Brachen Leipzigs entstanden. Zum Millennium lag sie leer inmitten eines Quartiers im Umbruch.
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Auf dem Weg zum und vom Theater passierte ich fast täglich diese Abrissszenerie. Eines Abends, der Sommer war mild, ich war in Begleitung, der Himmel unwirklich beleuchtet, versprach ich im Übermut, statt Luftschlösser zu bauen, genau hier ein Kornfeld anzulegen.
Anpacken mit Kreativität und Mut
So kann es gehen. Die Wiederurbarmachung von brachgefallenen Orten war da schon unsere Sache. Seit 1993 arbeiteten wir daran, im kulturellen Niemandsland des Leipziger Westens aus den Resten eines zu DDR-Zeiten geschlossenen Kinos und historischen Ballhauses die Schaubühne Lindenfels auferstehen zu lassen.
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Wir hatten bereits gelernt: Ein Quartier ohne lebendigen Kulturort siecht dahin, aber auch ein Kulturort ohne lebendiges Quartier. Uns blieb gar nichts anderes übrig, als draußen anzupacken: mit Kreativität, dem Mut, groß zu denken, antrainierter Überredungskunst und der Ausdauer von Langstreckenläufern.
Zunächst belächelter Entwurf
Also fragten wir die für den Leipziger Teil der Expo 2000 Verantwortlichen, ob im Rahmen dieser Fortschrittsschau eine ins neue Jahrtausend wachsende Vision brauchbar wäre. Eine, die nachhaltiges Wirtschaften, blühende (Stadt-)Landschaften und gemeinsames Handeln thematisiert. Eine, die Identifikation und Nachbarschaft anbietet und die Möglichkeit, mitanzupacken.
Inmitten der damals schrumpfenden Stadt setzten wir auf (reales) Wachstum, das Bewohner durch steigende Lebensqualität anlocken und den Großstadtkindern zeigen konnte, wie Brot wächst. „Was für eine altmodische Idee, ein Kornfeld!“, schallte es zuerst zurück. Nachdem die damaligen Kultur- und Baubürgermeister unsere Variation auf den Slogan „Leipzig, den Wandel zeigen“ aber für durchaus bedenkenswert erklärten, brach die Schlechtwetterfront schnell zusammen.
So entstand ein echtes Roggenfeld mitten in der Stadt, das Jahrtausendfeld, als begehbares und für alle offenes Kunstwerk, das die Stadt zur Bühne macht und zum Nachdenken über unsere Zukunft anregt. Ein Experimentierfeld in mehrfachem Sinn. Hunderte Leipziger und Leipzigerinnen, Jung und Alt, halfen bei Aussaat, Pflege, Bewässerung und Ernte des Roggens.
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Viele Vereine und Betriebe unterstützten uns und beteiligten sich an Veranstaltungen im Großen Naturtheater von Plagwitz-Lindenau. Zwei Erntezyklen lang und weitere zwei Jahre als Ausweichstandort des Theaters der Jungen Welt – im Zirkuszelt mitten im Feld – war der Traum real. Da hatte sich der Name schon eingebürgert, und wir hofften nach der erfolgreichen Realisation, dass die Stadt das Jahrtausendfeld nun erwerben würde. Es kam anders, damals.
Agrarkultur trifft Wohnungsbau
Heute, ein Vierteljahrhundert später, ist die Brache immer noch da und leidlich grün. Und es scheint, als würde unsere Idee im wiederbelebten und stark verdichteten Quartier der Gegenwart mehr denn je gebraucht.
Als könnte sie heute ein gutes Beispiel geben – auch für andere – als grüne Freifläche für alle, mit einem Areal für Schulgärten (zwei Schulen und ein Kindergarten sind direkte Nachbarn).

Außerdem Raum für Urban Gardening plus einen attraktiven Lern- und Begegnungsort zu Themen wie gesunder Ernährung, Industrie- und Agrarkultur, sowie einen nicht zu hoch bebauten Trennstreifen entlang der Karl-Heine-Straße zur Erprobung von kostengünstigem und nachhaltigem Wohnungsbau.
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Und versprochen: In dieser Vision lässt sich der Bedarf an Freiraum und bezahlbarem Wohnraum sehr gut miteinander vereinbaren. Als Randbebauung des Feldes lassen sich modular errichtete Wohnungen und auch Werkstatträume nach und nach wie „Mikado-Tiny-Houses“ so verbinden und schichten, dass sie einerseits luftig und licht bleiben und anderseits die diversen Grünflächen des Feldes rahmen und in mehrfachem Sinn beschirmen.
Und hatte ich schon erwähnt, dass die letzte Plagwitzer Kornmühle mit Windradantrieb noch bis in die 1890er-Jahre nur wenige hundert Meter vom Jahrtausendfeld entfernt an der heutigen Gießerstraße stand? Am alten Standort ist für eine echte, innovative Windmühle heute kein Platz mehr, aber …
Vergeben Sie Sterne für alle Visionen
Sie können jede der 50 Visionen für Leipzig mit Sternen bewerten: Ein Stern bedeutet, Ihnen gefällt die Vision gar nicht. Fünf Sterne bedeuten, Sie finden sie hervorragend. Unter allen Teilnehmern verlosen wir exklusive Preise. Die zehn bestbewerteten Visionen stellen wir nach Veröffentlichung noch einmal zur Abstimmung: Welche überzeugt Sie am meisten?
Es scheint so, als reifen manche Visionen über Jahre immer weiter und werden dabei mit aktuellen Bedürfnissen und Fragen so aufgeladen, dass sie, zumal in einer Bürgerstadt wie Leipzig, einfach Wirklichkeit werden müssen, wenn viele mit anpacken.
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Ein Jahrtausendfeld-Park in gemeinsamer Verantwortung der Quartiersgemeinschaft, die ihn pachtet, entwickelt und pflegt – mindestens für die nächsten 135 Jahre – sollte dazu gehören.
René Reinhardt, geboren 1966 in Berlin, studierte an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Ab 1992 baute er das Theaterhaus Jena mit auf. Mit Anka Baier gründete der Schauspieler, Regisseur und Theaterautor 1994 die Schaubühne Lindenfels im Leipziger Westen, deren künstlerischer Leiter er seit 2009 ist.
LVZ