2026-01-09 15:15:00
„Am Anfang fühlte es sich an, als würde man mich nackt sehen“, sagt Sandra Michalek. Seit der Geburt ihrer Tochter vor 23 Jahren leidet die Busdorferin unter einer Stoffwechselerkrankung. Die Folge: Ihre Haare fallen aus. Von dem Unwohlsein ist der 52-Jährigen heute nichts mehr anzumerken. Stolz zeigt sie auf ihrem Handy ein Video auf Instagram, in dem sie erklärt, wie sie ihre Perücke anklebt. 300.000 Aufrufe, 10.100 Likes.
Gegen Ende des Jahres 2025 hat sie sich entschieden, ihre Krankheit nicht mehr zu verstecken, sondern offen damit umzugehen. Warum jetzt, kann sie gar nicht so genau sagen. „Es war einfach aus dem Bauch heraus, als sollte es so sein“, sagt Sandra Michalek. Es ist, als wäre eine Last von ihr abgefallen. Doch der Weg bis dahin war lang und nicht immer einfach.
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Den richtigen Weg finden
Von Toupet bis Perücke – Sandra Michalek hat verschiedene Optionen zur Auswahl.
Foto: Dania Isabell Martin
Die ersten Jahre versucht sie, den Haarausfall noch zu kaschieren, die lichten Stellen am Ansatz mit Farbspray zu verdecken. „Wenn es geregnet hat, war das eine Katastrophe. Und Wind war der Endgegner. Innerlich war ich oft total im Stress“, sagt die Mutter. Neben ihren Kopfhaaren verliert die Busdorferin auch ihre Wimpern und Augenbrauen. Nur noch kleine, weiße Härchen sind heute davon übrig geblieben.
Sandra Michalek hat viel ausprobiert, bis sie eine Routine gefunden hat, mit der sie sich wohlfühlt.
Foto: Dania Isabell Martin

Jahrelang probiert sie, einen Weg zu finden, um sich auch in der Öffentlichkeit wohlzufühlen. Nach Besuchen in Flensburg, Berlin, Kiel und Hamburg findet sie in Schleswig 2013 einen Salon, der Perücken anbietet, die zu ihr passen. Für die Haare im Gesicht experimentiert sie viel herum. „Zuerst hatte ich Permanent-Make-up, aber das war asymmetrisch und passte so gar nicht zu mir“, sagt Michalek. Danach malt sie sich die Augenbrauen auf. „Damit war ich nur so halb zufrieden, man darf sich nicht kratzen.“ Auch Echthaar-Augenbrauen testet sie, doch auch die hätten sich mal beim Niesen gelöst.
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Nur Familie hat sie ohne Haare gesehen
Ohne Haare sieht sie über Jahrzehnte nur ihre engste Familie, auch im Bekanntenkreis wissen nur wenige davon. „Vor meinem Mann und meinen Kindern war mir das nie unangenehm. Sie haben mir immer das Gefühl gegeben, vollwertig zu sein.“ Auch Tochter Lone sagt, es habe sie nie gestört. Nur wenn Besuch kommen sollte, sei es etwas angespannt gewesen. Freunde konnten nicht einfach vorbeikommen, es musste immer abgesprochen werden. „Aber heute ist das zum Glück anders“, sagt die 22-Jährige.
Es war auch für Tochter Lone nicht immer einfach, doch ihre Familie hat Sandra Michalek immer das Gefühl gegeben, vollwertig zu sein.
Foto: Dania Isabell Martin

Es hat sich etwas gelöst in Sandra Michalek, seitdem sie sich „geoutet“ hat. Und die zahlreichen Rückmeldungen in sozialen Netzwerken geben ihr Rückenwind.
„Niemand sollte sich schämen müssen, weil er Haare verliert.“
Sandra Michalek
leidet an Stoffwechselerkrankung
Heute hat die Busdorferin wieder ein paar Haare mehr auf dem Kopf, nach eigenen Angaben durch die ärztlich abgesprochene Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. Statt einer Perücke trägt sie nur noch ein Toupet, dazu falsche Wimpern und alle ein bis zwei Tage klebt sie sich neue Augenbrauen auf – ähnlich wie Klebe-Tattoos für Kinder, die jedoch täuschend echt aussehen. „Ich brauche weniger als zehn Minuten, bis ich fertig bin“, sagt Michalek.
Die positiven Reaktionen auf Instagram geben der Busdorferin Rückenwind.
Foto: Dania Isabell Martin

Die 52-Jährige hat nicht nur ihre Routine gefunden, sie möchte eine Botschaft senden. „Niemand sollte sich schämen müssen, weil er Haare verliert“, sagt sie. Aus dem Salon für Zweithaar in Schleswig, in dem sie nebenberuflich arbeitet, weiß sie, wie viele Menschen mit Haarverlust zu kämpfen haben, wie viele es verstecken und sich unwohl damit fühlen. „Ich will den Menschen Mut machen und die Scham vor dem Thema nehmen. Ob mit oder ohne Haare – jeder kann bezaubernd aussehen.“









