2026-02-04 10:03:00
Waren Sie am Sonntag beim DID, dem „Digital Independence Day“? Der findet seit Januar 2026 an jedem ersten Sonntag eines Monats statt. Das Motto: „entspannte Rebellion“. Das Ziel: mehr digitale Souveränität und Unabhängigkeit von US-Tech-Firmen.
Menschen treffen sich, um zu beratschlagen, wie sie zum Beispiel von WhatsApp zu Signal, von PayPal zu Wero oder von X zu Mastodon wechseln können. Auf der Website di.day finden sich „Wechselrezepte“, Termine und Informationen zum Gemeinschaftsprojekt “Save Social – Networks for Democracy”.
Wieso das Marketingleute interessieren sollte? Weil es vielen Menschen offenbar ein großes Bedürfnis ist, sich demokratiefreundlichen digitalen Alternativen zuzuwenden. Und das könnte ja durchaus Auswirkungen auf die eigene Kommunikation haben. Obwohl gerade erst gestartet, finden sich jetzt schon hunderte Veranstaltungen auf der Website, selbst bis Lissabon ist die DID-Welle schon geschwappt.
Ohne die USA
Wer nun dennoch müde lächelt und an den Erfolg von Grassroot-Bewegungen nicht so recht glauben kann, der werfe einen Blick nach Frankreich und, ja, nach Schleswig-Holstein. Denn dort gibt es Unabhängigkeitsbestrebungen im größeren Stil: Die französische Regierung plant, Zoom, Microsoft Teams, GoTo Meeting und Webex in der staatlichen Verwaltung durch eine in Frankreich entwickelte quelloffene Software namens Visio zu ersetzen. Schleswig-Holstein stellt seine Verwaltung seit 2025 auf Open-Source um.
Auch in der Wirtschaft tut sich was: Der für das Cloud-Geschäft von SAP verantwortliche Vorstand Thomas Saueressig spricht gegenüber dem Handelsblatt von einer massiv gestiegenen Nachfrage nach souveränen Cloud-Lösungen. Es gehe darum Abhängigkeiten, insbesondere von US-Konzernen, zu reduzieren.
Mit den USA möglichst wenig zu tun haben: Das möchten auch die Menschen in Dänemark und Grönland. Für Furore im Appstore sorgte dort deshalb Uden USA (Ohne USA), eine App, die hilft „amerikanische Produkte zu erkennen und Alternativen aus dem Rest der Welt zu finden“.
Keine Fleischwerbung mehr in Amsterdam
Und was war sonst noch los? Amsterdam wird zur „Horrorstadt für Markus Söder“(taz), denn ab Sommer gilt in der niederländischen Hauptstadt ein Werbeverbot für Fleisch und Wurst auf städtischen Außenflächen. Und außerdem für Flugreisen, Kreuzfahrten und Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren. „Für Werbung großer Unternehmen, die die Klimakrise vorantreiben, ist in Amsterdam kein Platz mehr“, zitiert dpa die grüne Stadtabgeordnete Jenneke van Pijpen.
Bemerkenswert rückgratlos agiert dagegen der ADAC. „Bild“ & Co. hatten einen Shitstorm gegen ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand losgetreten. Der hatte vor Weihnachten in einem differenzierten Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ unter anderem gesagt, die CO₂-Bepreisung sei ein richtiges Instrument, um Klimaschutzziele zu erreichen und es brauche den Anreiz, um auf klimaschonende Alternativen zum Diesel und Benziner umzusteigen.
Der Boulevard hetzte und bauschte die Sache unter Zuhilfenahme angeblicher Rücktrittszahlen auf, die sich im Nachhinein als fadenscheinig erwiesen. Das Ganze führte am Montag zum Rücktritt Hillebrands. Der ADAC schreibt dazu: „Mit seinem Schritt übernimmt Hillebrand persönlich Verantwortung für den entstandenen Reputationsschaden.“ Man weiß gar nicht, was man dazu sagen soll. Nur so als Tipp … vielleicht sollte der ADAC seine Karriereseite überarbeiten, denn da ist noch zu lesen: „Wir leben Wertschätzung und Verantwortungsbewusstsein: jeden Tag, miteinander, glaubwürdig und aktiv.“
Capgemini und das Skip-Tracing für ICE
Ebenfalls in arger Erklärungsnot: Capgemini. Der französische IT-Konzern soll der berüchtigten US-Einwanderungsbehörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) geholfen haben, die Aufenthaltsorte von Migrantinnen und Migranten zu lokalisieren, im Branchenjargon heißt das Skip-Tracing.
„CEO Aiman Ezzat will von nichts gewusst haben, die Tochter aber nun verkaufen“, schreibt das Manager Magazin. Capgemini argumentiert, US-Sicherheitsauflagen für geheime Regierungsaufträge hätten eine angemessene Kontrolle der Tochtergesellschaft unmöglich gemacht. Auch hier nur flugs ein Satz aus dem „Code of Business Ethics“ von Capgemini: „Als verantwortungsbewusstes Unternehmen unterstützen wir die Gesellschaft, in der wir leben und schützen die Umwelt, in der wir arbeiten.“
Sie haben die Macht. Und die Wahl.
Zum guten Schluss noch ein Blick auf jemanden, der es mit der sozialen Verantwortung ernster meint. LinkedIn-Mitgründer Reid Hoffman rief die US-Tech-Bosse in einem lesenswerten Beitrag „Silicon Valley can’t be neutral any longer“ in The San Francisco Standard zum Widerstand gegen Trump auf. Er schreibt: „Wir Führungskräfte in Technologie und Wirtschaft haben Macht — wirtschaftliche Macht, gesellschaftliche Macht, Plattform-Macht — und uns jetzt einfach auf dieser Macht auszuruhen, ist kein gutes Geschäft. Es ist auch keine Neutralität. Es ist eine Wahl.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
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