2026-02-06 08:42:00
analyse
Hohe Kosten, zu viel Bürokratie: Aktuell ist meist von den Problemen der deutschen Wirtschaft die Rede. Doch abgesehen davon hat sie auf den Weltmärkten sehr viel zu bieten. Womit können die Firmen punkten?
Die deutsche Wirtschaft steckt in der Krise und befindet sich im Strukturwandel: Das “alte” Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. Neben Handelskonflikten und Standortproblemen ist ein Grund auch der Konkurrenzdruck aus China. Waren, die früher “Made in Germany” waren, werden immer stärker von Unternehmen aus der Volksrepublik produziert und günstiger verkauft.
Um neue Märkte für die exportorientierten Unternehmen in Deutschland zu erschließen, reist die Bundesregierung derzeit durch die Welt: nach Indien, Südostasien oder in die Golfregion. Doch womit kann sie werben? Was sind die Stärken der Wirtschaft hierzulande?
Noch immer Exportdominanz in vielen Bereichen
“Die Stärken der deutschen Wirtschaft liegen weiter da, wo sie schon lange waren: ‘Made in Germany’ bedeutet hohe Qualität, hohe Innovationen, starke Kundenorientierung und begleitende Serviceleistungen. Wir haben viele hochspezialisierte Nischenanbieter und Hidden Champions – etwa im Maschinenbau”, sagt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) gegenüber der ARD-Finanzredaktion. All das sei weiter auf dem Weltmarkt gefragt.
Weil China mit Blick auf Innovationen aufhole und der Markt immer enger werde, spezialisiere sich die deutsche Wirtschaft zwar zunehmend. Der Kern bleibe aber gleich. “Unsere Stärken liegen vor allem im Maschinenbau und in der Autoindustrie, hier in erster Linie beim Verbrenner, aber zum Beispiel auch in der Spezialchemie, der Pharmabranche und der Medizintechnik sowie in wichtigen Sparten der Elektroindustrie”, so Matthes.
Nach Warenwert exportierten Unternehmen im Jahr 2024 vor allem Kraftwagen und -teile. Auf Platz zwei und drei folgten Maschinen sowie chemische Erzeugnisse. In welchen Bereichen die deutsche Wirtschaft im Vergleich besonders dominant ist, zeigt eine IW-Studie aus dem vergangenen Jahr: Demnach beläuft sich der deutsche Anteil am weltweiten Export in rund 180 von 5.300 Warengruppen auf mindestens 30 Prozent – darunter Medikamente, chemische Halbstoffe oder optische Mikroskope. Bei einigen Schmerzmitteln liegt er sogar bei über 90 Prozent.
Allerdings: 2010 waren es noch 240 Warengruppen, die Dominanz bröckelt. Als Vorteil von deutschen Produkten galt stets die hohe Qualität. Diese gibt es weiterhin, wird aber mittlerweile auf dem Weltmarkt von einem anderen Umstand verdrängt: den billigen Preisen. “Wenn ein chinesischer Anbieter Produkte mit einer Qualität, die vielleicht 20 bis 30 Prozent unter der deutschen liegt, um 50 Prozent günstiger anbietet, greifen Firmen hierzulande zunehmend zu, statt ihre Vorprodukte weiter aus Deutschland und der EU zu beziehen”, sagt Matthes.
Hohe Qualität und riesiger Erfahrungsschatz
Neben Handelsschutz-Instrumenten und Maßnahmen gegen steigende Kosten können Fachleuten zufolge neue Allianzen ein Mittel gegen die Billigpreise sein. In der vergangenen Woche einigten sich die EU und Indien auf ein Handelsabkommen – inklusive deutlich niedrigeren Zöllen. Das kann auch der deutschen Exportwirtschaft helfen. “Wenn es dieses Abkommen schon gegeben hätte, wären wahrscheinlich all unsere Maschinen deutsch oder zumindest europäisch”, sagt etwa Sanjay Malhotra der tagesschau. Er ist Chef einer indischen Firma, die Elektronikteile für europäische Autobauer produziert.
Gleichzeitig sollte aber auch der relevanter werdende Dienstleistungssektor stärkere Aufmerksamkeit bekommen, sagt Matthes, was er auch kürzlich in einer IW-Studie analysiert hat. Das haben offenbar auch klassische Industrieunternehmen erkannt, denn sie werden immer mehr zu Dienstleistern. So verschiebt sich ihr Umsatzanteil nach einer Analyse des Münchener ifo-Instituts stärker von der reinen Produktion zur Montage, Wartung und Beratung – auch dank der hohen deutschen Standards.
“Gerade im Mittelstand gibt es immer noch sehr viele Weltmarktführer, die aus Deutschland kommen. Das heißt, wir haben einen riesigen Erfahrungsschatz angesammelt, den wir jetzt entsprechend umdenken müssen”, erklärt der Ökonom Martin Lück von Macro Monkey. Industrie müsse mittlerweile anders gedacht werden. “Nicht mehr als den klassischen rauchenden Schlot, sondern vielleicht eher als das Großraumbüro, in dem die Computer glühen und die Menschen die Köpfe zusammenstecken und beste Lösungen im Sinne der Kunden finden.”
Exzellente Forschung, aber zu wenig Anschlussfinanzierung
Dennoch werden deutsche Maschinen, Chemie, Autos und Elektronik weiterhin gebraucht. “Und von daher kommt es jetzt darauf an, die Innovationsfähigkeit weiter hochzuhalten, um vorne zu bleiben und weiterhin besser zu sein als die Konkurrenz”, so Matthes. Bei kundenspezifischen Produkten könne man dadurch in der Regel gute Preise verlangen. Auch Edgar Walk, Chefvolkswirt bei Metzler Asset Management, bezeichnet Innovationen als entscheidend im Wettbewerb mit anderen Ländern, denn diese holten in der Qualität auf.
“Man muss in seinem Bereich immer derjenige sein, der technologisch am weitesten ist. Das ist die einzige Möglichkeit, seinen Marktanteil zu verteidigen oder vielleicht sogar aufzubauen”, sagt der Ökonom im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. Deshalb sei es wichtig, weiterhin viel in Forschung zu investieren und die Ergebnisse stärker in den Unternehmen zur Anwendung zu bringen. “Deutschland ist immer noch ein extrem starkes Forschungsland”, so Walk. “Wir haben eine extrem starke Grundlagenforschung.”
Das sehe man zum Beispiel an den vielen Patenten im Bereich künstlicher Intelligenz (KI). Und auch in der Medizintechnologie sei Deutschland weltweit führend und habe großes Potenzial, sagt Walk. Die Entwicklung zeigt sich zudem an den Rekordzahlen von Start-ups. 3.568 Start-ups wurden 2025 neu gegründet – so viele wie noch nie in einem Jahr. Besonders in den Branchen Software, Medizin und Lebensmittel nehme die Gründungsdynamik spürbar zu, berichtete jüngst der Start-up-Verband.
“Unsere exzellente Forschung spielt dabei eine Schlüsselrolle als Ausgangspunkt für Innovation und neue Start-ups”, sagte die stellvertretende Vorsitzende, Kati Ernst. “Wenn wir Gründungen aus der Wissenschaft erleichtern und Innovation priorisieren, kann das unserer Wirtschaft zusätzlichen Rückenwind geben.” Ökonom Walk sieht hier ein Kernproblem für die deutsche Wirtschaft: “Innovationskraft heißt ja, dass aus Grundlagenforschung Produkte und Innovationen entstehen. Darin sind wir leider noch nicht so gut.”
Reformen für mehr Innovationen nötig
Das hänge damit zusammen, dass junge Unternehmen nicht gut finanziert werden über die Kapitalmärkte, erklärt Walk. Die gleiche Schwierigkeit sieht IW-Forscher Matthes auch bei Universitäten und Hochschulen: “Wir haben immer mal wieder das Problem, dass wir Dinge erforschen und entwickeln, am Markt aber das Kapital nicht reicht und die Regulierungen zu hoch sind.” Stattdessen gingen die jungen Gründer mit ihren Ideen im Ausland an den Markt und es entstünden keine heimischen Arbeitsplätze. Um die Abwanderungen zu verhindern, hat die Bundesregierung kürzlich mit Frankreich einen Expertenbericht vorgestellt. Zu den Vorschlägen gehört eine Reform der privaten und betrieblichen Altersvorsorge.
Dominik Groll, Arbeitsmarktforscher am Kiel Institut für Weltwirtschaft, verweist in dem Zusammenhang auch auf den in Deutschland sehr hohen Kündigungsschutz: “Innovation, Erfindungen und technologischer Fortschritt ist ein sehr unsicherer Prozess. Im Hochtechnologiebereich scheitern acht von zehn Projekten.” Derzeit sei es sehr teuer, das Unternehmen im Falle des Scheiterns zu restrukturieren. “Deshalb gehen Firmen teilweise diesen Weg gar nicht erst, sondern beschäftigen sich nur mit marginalen Innovationen, bei denen das Risiko nicht so hoch ist.”
Darüber hinaus sei eine enge Verschränkung zwischen den Universitäten, den staatlichen Forschungseinrichtungen sowie den Unternehmen wichtig, betont Matthes. “Wir haben ein starkes Innovations-Ökosystem, was definitiv weiter zu den Kernstärken der deutschen Wirtschaft gehört.” Eine weitere Stärke bleibe die duale Ausbildung – auch wenn Unternehmen aktuell berichteten, dass die Schulausbildung immer schlechter werde. Mehr Investitionen in Bildung sind nötig, so sieht es auch der Ökonom Walk.
