2026-01-16 10:05:00
Bislang führte bei Turnieren schon eine kleine Blutspur am Pferd automatisch zur Disqualifikation. Doch der Weltreitsportverband FEI hat die “No Blood Rule” aufgeweicht. In Leipzig wird die neue Regel nun erstmals angewendet.
Es ist das erste große internationale Springturnier des Jahres in Deutschland: Im Rahmen der Messe “Partner Pferd” in Leipzig findet am Wochenende auch ein Weltcup-Springen statt. Erstmals gilt dort die geändert Regel, die seit dem umstrittenen Beschluss der Generalversammlung der FEI im November 2005 in Hongkong für Diskussionen sorgt. Auch weil es beim Thema um Tierwohl, um Vertrauen und um das Image des Reitsports geht.
Genau deshalb findet auch Volker Wulff, der Veranstalter des Weltcup-Springens in Leipzig, die Neuregelung heikel. “Also PR-mäßig ist es, finde ich, keine gelungene Aktion. Definitiv nicht, weil wenn das Wort Blut im Raume steht, dann denkt man gleich, Blut fließt und trotzdem werden diese armen Pferde geritten”, sagt Wulff im Gespräch mit der Sportschau.
Beerbaum: “Verhältnismäßigkeit herstellen”
Die Regeländerung geht auf eine Initiative des International Jumping Riders Club, der internationalen Interessenvertretung der Springreiter, zurück. Einer der prominentesten Befürworter ist Ludger Beerbaum, einer der erfolgreichsten deutschen Springreiter – und Boardmember des International Jumping Riders Club. Er sagt, es gehe nicht darum, Blut zu tolerieren, sondern darum, “Verhältnismäßigkeit herzustellen”.
Beerbaum verweist auf Härtefälle wie etwa bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 und in Paris 2024, wo schon kleinere Verletzungen am Pferd, etwa im Bereich der Sporen, zur Disqualifikation einzelner Reiter oder, wie im Fall der japanischen Équipe in Tokio, sogar ganzer Mannschaften geführt hätten. “Die gesamten Medaillenhoffnungen und Träume von Japan waren dahin”, sagt Beerbaum.
Gremium statt Automatismus: Disqualifikation oder Verwarnung
Genau solche Fälle sollen jetzt anders bewertet werden können. Bei Kratzern, Scheuerstellen oder Blut im Maul des Pferdes entscheidet bei internationalen Turnieren ein Dreier-Gremium, ob eine Disqualifikation nötig ist: der leitende Steward des jeweiligen Turniers, der verantwortlicher Tierarzt und der Chef der Ground Jury.
Das Gremium kann statt einer sofortigen Disqualifikation eine Verwarnung aussprechen. Damit bleiben Reiterinnen und Reiter im Wettbewerb – und Teams fliegen nicht automatisch aus der Wertung. Für die Pferde ändere sich dadurch nichts zum Schlechteren, glaubt Ludger Beerbaum: “Es leidet kein einziges Pferd auf diesem Planeten mehr durch diese Regeländerung – überhaupt nicht.”
“Blut hat im Pferdesport nichts zu suchen”
In Deutschland stößt die Lockerung der No-Blood-Rule aber auf deutliche Kritik. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) stimmte bei der FEI-Generalversammlung im November gegen die Änderung. FN-Generalsekretär Dennis Peiler betont: Gerade dort, wo der Reiter direkten Einfluss auf das Pferd hat, dürfe es keine Grauzonen geben. “Wir sagen zunächst einmal, Blut hat im Pferdesport nichts zu suchen und erst recht nicht im Einwirkungsbereich des Reiters”, sagt Peiler. “Einwirkungsbereich des Reiters heißt Pferdemaul, der Bereich des Schenkels, also des Sporens und die Gerte. Da sehen wir eine absolute, klare Regelung erforderlich, die keine Interpretation zulässt.”
Die alte Regel sei eindeutig und aus Sicht der FN auch ausreichend gewesen, so Peiler. Denn Fälle, in denen überhaupt Blutspuren im Bereich von Sporen oder Maul festgestellt wurden, seien international selten, ebenso Disqualifizierungen von Pferd und Reitern. Peiler verweist dabei auf eine Statstik der FEI, wonach in den Jahren 2024 und 2025 in deutlich weniger als einem Prozent der Fälle Pferde und Reiter von internationen Wettbewerben ausgeschlossen wurden. “Wir haben nicht die Notwendigkeit gesehen, dass hier noch mal was verändert wird”, sagt Peiler.
“Tierschutzrecht bleibt Maßstab”
In Leipzig muss die neue Regel nun dennoch zum ersten Mal in Deutschland praktisch umgesetzt werden. Und damit liegt die Verantwortung jetzt bei denjenigen, die vor Ort im Einzelfall entscheiden müssen. Einer von ihnen ist Michael Köhler, leitender Turniertierarzt in Leipzig. Köhler ist zudem auch Vorsitzender des Ausschusses für Pferde der Bundestierärztekammer, die sich ebenfalls kritisch zur FEI-Entscheidung geäußert hat.
Nach deutschem Tierschutzrecht dürfe ein Pferd mit Schmerzen nicht starten, betont Köhler, “obwohl die sportrechtliche Auslegung das vielleicht erlauben würde”. Schmerzen aber seien bei einer Blutung oder Verletzung zu erwarten.
Köhler sieht durch die neue Regel vor allem auch ein strukturelles Problem: mehr Verantwortung – und mehr Druck auf die Tierärztinnen und Tierärzte im internationalen Betrieb. “Natürlich erzeugt das auch für den Tierarzt Druck”, sagt er. “Und der Druck wird gegebenenfalls auch durch Reiter und Pferdebesitzer noch weiter erhöht werden, weil die natürlich gerne reiten und deshalb eine Entscheidung wollen, dass das Weiterreiten möglich ist.”
Verwarnungen und Sperren als neue Konsequenz
Der Chef-Steward des Turniers in Leipzig, Michael Wassmann, ist vor Ort zuständig für die Umsetzung der Regeln. Die Neuregelung, sagt er, werde in der Praxis vor allem eins bedeuten: mehr Dokumentation und schärfere Konsequenzen für Wiederholungsfälle. Denn Reiterinnen und Reiter, die wegen eines Blut-Vorfalls auffällig werden, bekommen einen Eintrag bei der FEI, eine sogenannte “Jumping Recording Warning”, eine Art Gelbe Karte.
Ein paar Reiter stünden jetzt schon mit einer ersten Verwarnung da, sagt Wassmann. Beim nächsten Vorfall innerhalb von zwölf Monaten bekämen sie eine vierwöchige Startsperre bei internationalen Wettbewerben. Genau deshalb könne die Lockerung, die vom International Jumping Club angestoßen wurde, am Ende zum Eigentor werden. “Denn dann kann es eben sein, dass einer nachher beim Championat nicht starten kann, weil er in dieser Zeit gesperrt ist”, so Wassmann.
Die neue FEI-Regel soll Härtefälle verhindern. Ob sie am Ende mehr Fairness bringt oder neue Grauzonen schafft, wird sich vielleicht schon in Leipzig in der Praxis zeigen.









