2026-01-30 06:30:00
Die Corona-Pandemie war auch für unsere Redaktion eine Ausnahmesituation. Wochenlang Homeoffice, persönliche Betroffenheit und das Risiko einer Ansteckung haben die Arbeit unter Bedingungen gestellt, wie wir sie bis dahin nicht kannten.
Gleichzeitig prallten politische und persönliche Grundsatzfragen aufeinander, außerhalb und innerhalb unserer Redaktion. In einer internen Befragung der Führungskräfte haben wir im Vorfeld des aktuellen Jahrestages gemeinsam reflektiert, wie wir unsere Berichterstattung in dieser Zeit bewältigt haben.
Burkhard Ewert ist Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung sowie Chefredakteur für Politik & Gesellschaft von NOZ Medien und Medienholding Nord.
Foto: André Havergo
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Die Umfrage und Diskussion darüber verstehen wir als Teil einer konstruktiven Fehlerkultur. Sie steht im Kontext einer Aufarbeitung, die wir als Frage und Aufforderung auch an andere Akteure jener Zeit richten.
Tonalität und Sprache
Viele Kollegen bewerten die Sprache und Tonalität unserer Beiträge im Schnitt als solide, mit einem Gesamtwert von 6 auf einer Skala von 0 bis 10. Entsprechend gab es im Rückblick klare Kritikpunkte. Beispielsweise wurden vereinzelt Begriffe verwendet, die einzelne Gruppen stigmatisieren wie „Covidiot“ oder „Schwurbler“. Dies hätte unterbleiben sollen.
Lob gab es für die Tonalität unserer Kommentare, die im Durchschnitt als breit und angemessen beschrieben worden ist. Es fanden auch Positionen Berücksichtigung, die sich erst später als allgemeine Einsicht durchgesetzt haben. Im Rückblick fällt die Bilanz der Führungskräfte in diesem Punkt positiv aus. Damals führte die Breite hingegen zu scharfen Angriffen.
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Auf die Frage, ob wir das gesamte wissenschaftliche und politische Spektrum ausreichend berücksichtigt haben, gingen die Meinungen auseinander. Einige Kollegen fanden unsere Berichterstattung sehr ausgewogen, andere kritisieren, dass vor allem der prominente Virologe Christian Drosten zu viel Aufmerksamkeit erhalten habe, sodass uns auch aus der Leserschaft eine Einseitigkeit („false balance“) vorgeworfen wurde.
Insgesamt wurde die Ausgewogenheit und Angemessenheit der Corona-Berichterstattung in unseren Produkten mit 6,7 bewertet (0 = sehr gering, 10 = sehr groß).
Die Aussage ist damit klar und nicht zu beschönigen: Wir hätten besser sein können.
Informationsqualität, Aktualität und Reaktionsfähigkeit
Auch in der Informationsqualität sehen die meisten Befragten im Rückblick mit einem Durchschnittswert von 6,9 von 10 durchaus Grund zur Selbstkritik. Bewusst falsche Informationen wurden nach eigener Wahrnehmung nicht verbreitet.
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Trotzdem traf nicht alles zu, was wir geschrieben haben. Der ständige und rasche Wandel des Wissensstandes bildete eine Herausforderung – Einschätzungen, die zunächst galten, konnten sich schnell als überholt erweisen. Die Datenlage, etwa beim Robert Koch-Institut, wurde als lückenhaft beschrieben. Auf dieser Grundlage haben die Kollegen in den Redaktionen ihrer Überzeugung nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.
Positiv bewertet wurde unsere Reaktionsfähigkeit mit 7,6 von 10: Neue Erkenntnisse und Regelungen etwa der kommunalen Behörden fanden zeitnah Eingang in die Berichterstattung, oft direkt aus den Pressekonferenzen heraus.
Bewährt hatte sich zudem die Gründung eines Expertenteams, das sich früh, umfassend und ausschließlich mit dem Thema Corona befasst hat. Zahlreiche Entwicklungen konnte unsere Redaktion auf diese Weise bundesweit exklusiv aufgreifen. Unsere Kollegen hielten durchgehend persönlichen Kontakt zu einschlägigen Experten. Zudem bildete sich auf diese Weise eine vertiefte thematische Kompetenz heraus, von der wir bis heute profitieren.
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Welche Learnings wir ziehen
Für die Zukunft und gesellschaftliche Großlagen in anderen Zusammenhängen ziehen wir klare Schlüsse: mehr Genauigkeit statt Schnelligkeit, mehr Skepsis gegenüber staatlichen Verlautbarungen, mehr Mut zu aufwändiger Recherche und zur Darstellung von Gegenpositionen und konsequente interne Qualitätskontrollen.
Auch in den publizistischen Leitlinien der Chefredaktion spiegelt sich die redaktionelle Haltung des Hauses wider, die zuletzt geschärft und transparent kommuniziert wurden.
Zudem halten wir es für eine besonders wichtige Lehre, mehr Toleranz und mehr Respekt zu zeigen, nach innen wie nach außen. So berichteten zahlreiche Kollegen von persönlichen und durchaus harten Anfeindungen, ebenfalls wiederum von innen und von außen. Dies sollte sich nicht wiederholen.
Die Pandemie war eine Extremsituation, die auch journalistische Arbeitsweisen auf die Probe gestellt hat. Entscheidend ist nun, die gemachten Erfahrungen nicht zu verdrängen, sondern daraus Lehren für kommende Krisen zu ziehen und auch anzuwenden.