; Sargassum Crisis: Scientists Warn of Ocean Ecosystem Shift

2026-01-22 22:59:00

Seit Jahrzehnten bedecken riesige Algenteppiche große Teile der Ozeane. Durch den Klimawandel und die Landwirtschaft wachsen sie so schnell wie nie zuvor, haben Forscher herausgefunden. Lebensraum für Meerestiere wird so zerstört, aber auch den Menschen drohen Gefahren.

Aus dem All betrachtet sieht es so aus, als sei zwischen dem Golf von Mexiko und der Kongomündung am Westufer der Demokratischen Republik Kongo ein riesiger brauner Teppich verlegt worden. Den kann man allerdings nicht betreten, denn es handelt sich nicht etwa um eine neue Landbrücke zwischen den Kontinenten im Atlantik, sondern um eine gewaltige Fläche von Algenblüten.

Der Große Atlantische Sargassumgürtel zwischen den beiden Meeresflächen ist mit 8000 Kilometern Länge der größte Algenteppich der Welt. Auch vor den Chatham-Inseln bei Neuseeland oder vor der Küsten Floridas wabern riesige Braunalgen-Flächen, die zig Probleme mit sich bringen: Sie nehmen Meerestieren Licht und Sauerstoff, sie türmen sich vor den Stränden zu Algenbergen auf, sie stinken und bedrohen die maritimen Ökosysteme.

Und: Sie weiten sich bedrohlich aus. Das haben Forscher des Instituts für Meereswissenschaften der University of South Florida (USF) und der US-Wetterbehörde NOAA in einer aktuellen Studie herausgefunden, die in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht wurde.

Explosion der Algen

„Auf globaler Ebene scheinen wir Zeuge eines Machtwechsels zu sein, von einem makroalgen-armen Ozean zu einem makroalgenreichen Ozean”, sagt Chuanmin Hu, Professor für Ozeanographie am USF College und leitender Autor der Studie. Hu und seine Kollegen nutzten laut USF künstliche Intelligenz, um 1,2 Millionen Satellitenbilder des Ozeans zu scannen, die 13 Zonen und fünf Arten von Algen umfassen. Sie trainierten ein sogenanntes Deep-Learning-Modell, das schwimmende Algen auf der Meeresoberfläche identifiziert. Die Bilder wurden im Zeitraum zwischen 2003 und 2022 gemacht.

Dem Forschungsteam zufolge liefert die Studie das erste globale Bild von Algen, die in den Weltmeeren treiben. Das wichtigste Ergebnis: Die Fläche der Algenblüten hat in den 19 Jahren um 13,4 Prozent pro Jahr zugenommen. Forscher sprechen von einer wahren Explosion der Algen.

Zwar seien die Algen reich an Nährstoffen, saugen Kohlenstoff auf und bieten einen sichere Brutstätte für Fische, Schildkröten und andere Meereslebewesen. Der Schaden sei jedoch weitaus größer. Erhöhtes Algenwachstum führt zur sogenannten Eutrophierung, die Fische und Seegras tötet und Lebensräume vernichtet.

Der langsame Prozess: Algen blockieren das Sonnenlicht auf den Meeresböden, was zum Pflanzensterben führt und auch die Algen abtötet. Bakterien verdauen die toten Pflanzen, verbrauchen die verbleibenden Sauerstoff und geben Kohlendioxid ab. Fische und andere Wildtiere werden krank und sterben ohne Sauerstoff. An den Küsten schaffen es frisch geschlüpfte Schildkröten nicht, über Berge aus verrottetem Seetang zum Meer zu kriechen und verenden.

Der Sargussumgürtel schädigt nicht nur die Meerestiere, sondern auch lebenswichtige Infrastrukturen, einschließlich Wasser- und Stromversorgung. Der Zerfall des freigesetzten Schwefelwasserstoffs verursacht Gesundheitsprobleme bei den Menschen und kann von leichten Kopfschmerzen bis zur Bewusstlosigkeit führen. Eine Studie aus dem Jahr 2022 führt schwerwiegende Schwangerschaftskomplikationen für Frauen auf der französischen Karibikinsel Martinique auf die Sargassum-Algen an den Küsten zurück.

Die Sargassum-Algen am Strand von Martinique in der französischen Karibik sollen schwangere Frauen gefährden. Getty Images

Mehr Angst vor Sargassum als vor dem Klimawandel

Die Ursachen für die weltweit wachsende Algenplage liegen den Forschern des USF und der NOAA zufolge in der Umweltverschmutzung und dem Klimawandel, aber auch in der Ernährungsweise der Menschen. Im vergangenen Jahrzehnt seien die schwimmenden Makroalgen wie auch die Mikroalgenabschaumstoffe so stark gewachsen wie nie. Dies stehe „im Einklang mit der beschleunigten globalen Ozeanerwärmung seit 2010“, schreiben die Autoren. Sie identifizierten Kipppunkte in den Jahren 2008, 2011 und 2012 für mehrere Arten von Seetang in den Ozeanen.

Gleichzeitig spielt beispielsweise der Sojaanbau in Nord- und Südamerika und Afrika eine große Rolle. Die Nährstoffe, die ins Wasser gelangen, sind ein gefundenes Fressen und bilden zusammen mit den erhöhten Meeresoberflächentemperaturen einen toxischen Cocktail, von dem sich das Sargassum-Monster gut ernährt.

“Beunruhigend” sei die Geschwindigkeit, mit der die vermeintlich golden schimmernden Matten der Sargassum-Algen wachsen, deren Stängel sie an der Oberfläche treiben lassen, sagen die Forscher. Im Juni 2022 schätzte Studienleiter Hu das Ausmaß des Großen Atlantischen Sargassumgürtels auf 24,2 Millionen Tonnen – viermal so schwer wie die große Pyramide von Gizeh.

„Ich glaube, ich habe meine Angst vor dem Klimawandel durch Sargassum-Angst ersetzt“, sagt Patricia Estridge, CEO des britischen Start-up Seaweed Generation, im Mai 2023 dem britischen “Guardian”. Sie sieht die einzige Lösung darin, das Sargassum im tiefen Ozean zu versenken. In dem gesamten riesigen braunen Gürtel seien drei Millionen Tonnen Kohlenstoffbiomasse gebunden. In flachen Gewässern würde es verrotten und umweltschädliches Methan freisetzen.

Sargassum ist für die Menschen an den Stränden von Mexiko eine Belastung

Tausende Tonnen Sargassum liegen an den Küsten Mexikos und schaden Tourismusorten wie Tulum und Küsten von Cozumel. Getty Images

Eine Lösung: Sargassum sammeln und in der Tiefsee versenken

Daher hat Estridges Firma eigene Roboter gebaut, die das Sargassum sammeln, bündeln und 2000 bis 4000 Meter tief im Ozean versenken wollen. Sie hofft, dass CO2-Zertifikate die Einnahmen zur Finanzierung dieser Idee bereitstellen.

Auch andere Lösungen für das weltweite Problem werden untersucht. So suchen Forscher des Technischen Hochschule Atlanta im US-Bundesstaat Georgia nach Wegen, um das Wasser zu reinigen, oder experimentieren damit, die Algen als Biokraftstoff oder Baumaterial zu verwenden. Das kostet jedoch Geld, und bislang stach „keine Idee so hervor, dass sie Investitionen anziehen könnte. Sargassum scheint noch niemanden reich machen zu können“, sagt Shelly-Ann Cox, Cheffischereibeauftragte der Regierung von Barbados. Der Karibik-Staat kämpft seit einem Jahrzehnt gegen die Algenberge, die in ihrer Heimat die Existenz der Fischer gefährden und den Tourismus abschrecken.

Wahrscheinlich kämen erst dann bedeutende Investitionen zustande, wenn der große braune Algenteppich die “wohlhabenden Küsten der Florida Keys erreicht oder während der Frühlingsferien die Strände von Cancún überflutet”, sagte der Biologiestudent Harshini Vummadi von der Technischen Hochschule Atlanta damals dem “Guardian”.

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