2026-02-06 22:38:00
Zwei absolute Profis am Fels im Gespräch über Training, Schwierigkeitsbewertungen, Projekte und Felsklettern. Will Bosi und Dave Graham haben mit uns im Rahmen der Get High Finals der Urban Apes Berlin Friedrichshain über ihre geteilten Leidenschaften gesprochen. Ganz nebenbei schauen wir uns noch einen Outdoor-Boulder in der Halle an.
Bosi und Graham – Das dynamische Duo
Die beiden Spitzenboulderer kennen ihre Kletterstile in- und auswendig und wenn sie zusammenkommen, können wir uns auf starke Sends, einige Lacher und vor allem richtig gute Stimmung einstellen – das bewiesen sie auf jeden Fall beim Get High Event in Berlin. Der schottische Superstar Will Bosi macht schon seit einigen Jahren Schlagzeilen, darunter waren zuletzt die Erstbegehung des Boulders Realm of Tor’ment (9A), die erste Wiederholung von Excalibur (9b+) und die Erstbegehung von Portugals schwerstem Boulder Por do Sol (8C+). Der amerikanische Boulderprofi Dave Graham – oder auch der »Wizard of Climbing« – ist für seine zahlreichen Erstbegehungen und Erschließungen in knackigen Schwierigkeitsgraden bekannt. Seit Jahren prägt er die Szene durch Pionierarbeit im Bouldern. Inzwischen stehen auf seiner Tickliste über 700 Boulder zwischen 8A und 8C+, sowie 455 Routen im Schwierigkeitsgrad zwischen 8a und 9a+.
Im Frühjahr 2025 waren die beiden gemeinsam im Val Bavona unterwegs und das ganz schön erfolgreich. Wir haben uns mit ihnen über ihre geteilte Leidenschaft unterhalten: Das Bouldern am Fels. Außerdem erläutern sie uns wie das mit der Bestimmung von Schwierigkeiten im Bouldersport funktioniert.
Die Logik hinter den Schwierigkeiten im Bouldern ist konzeptuell, nicht wörtlich.
Dave Graham
Die Evolution von Boulderschwierigkeiten
Die Bewertung von Boulderproblemen ist keine kleine Herausforderung im modernen Klettersport. Zahlreiche Faktoren fließen in einen Grad ein, und absolute Objektivität ist kaum möglich. Genau deshalb war der Trip von Will Bosi und Dave Graham ins Val Bavona für beide Seiten so wichtig: Er diente als eine Art Benchmark. Für die lokalen Kletterer war der Besuch eines starken Boulderprofis wie Will Bosi besonders wertvoll, um zu überprüfen, ob ihre Projekte den angedachten Bewertungen entsprechen. Will konnte sich an unzähligen Projekten versuchen und seine Limits testen.
Dave Graham erinnert sich im Gespräch auch an die Entwicklung des Gradingsystems: Als er mit dem Bouldern begann, galt 8B+ als oberste Schwierigkeit. »Die Halle hat mich schnell gelangweilt, also bin ich nach draußen gegangen. Da es nicht viele Boulder gab, habe ich angefangen, selbst welche zu erschließen«, erzählt er. Seine Generation etablierte schließlich die 8C, später folgte die 8C+. Gerade im absoluten Topbereich wird die Einschätzung extrem komplex. »Am oberen Level zu bouldern und die Schwierigkeit zu bestimmen ist unglaublich hart. Was ist eine harte 8C+ und was eine leichte 9A? Das wirklich zu begreifen und korrekt einzuordnen braucht viel Zeit, Erfahrung und vor allem eine ehrliche Selbsteinschätzung«, ergänzt Will Bosi.
Perspektive spielt eine große Rolle: Körpergröße, Spannweite und individueller Kletterstil beeinflussen stark, wie sich ein Boulder anfühlt. Letztlich geht es beim Klettern nicht primär um Zahlen, sondern um Inspiration und den Wunsch, eine Linie zu versuchen. Schwierigkeitsgrade werden erst dann entscheidend, wenn sie als Orientierung dienen sollen – etwa um realistisch einschätzen zu können, worauf man sich einlässt. Funktionieren kann dieses System jedoch nur, wenn alle Beteiligten ehrlich bleiben und das eigene Ego beiseite gelegt wird. Sich einzugestehen, dass einem bestimmte Bewegungen oder Stile nicht liegen, ist ein zentraler Teil der Bestimmung von Schwierigkeiten.
Für uns Kletterer macht das alles total Sinn. Aber ich glaube wenn jemand der nichts mit dem Sport zu tun hat uns so reden hört, dann denkt er sich »Die haben das schlechteste Bewertungssystem überhaupt.«
Will Bosi

Training am Fels statt im Kraftraum
Auch beim Thema Training zeigen sich Unterschiede zwischen Indoor- und Outdoorbouldern. Für Dave Graham gibt es keine klassischen Kraft- oder Hangboard-Sessions. Sein Training findet am Fels statt: Projekte bearbeiten, neue Boulder erschließen, klettern, klettern – und noch mehr klettern. »Ich trainiere nicht, um zu trainieren«, sagt der 44-Jährige. »Wenn ich Leute beim modernen Training sehe, frage ich mich oft: Wollt ihr trainieren oder wollt ihr klettern?« Viele Outdoorboulderer, so ergänzt Will Bosi, seien keine großen Fans strukturierter Trainingspläne. Benötigte Ruhetage haben sie aber alle gemeinsam. »Daves Ruhetage sind Bergwanderungen!«, lacht der Schotte. »Er sucht dann neue Boulder oder Kristalle. Ernsthaft, ich brauche Ruhetage von seinen Ruhetagen.«
Wir haben ein ganzes Leben voller Bouldern vor uns, denn es gibt ein ganzes Leben voller Boulderprobleme, die es zu versuchen gilt.
Dave Graham

Die komplexen Puzzle liegen draußen
Auch mit dem Routenbau hat Will früh Erfahrungen gesammelt. Nach der Schule arbeitete er in einer Kletterhalle in Edinburgh und schraubte dort regelmäßig neue Probleme. Während ihm das kreative Schrauben spielerischer Boulder großen Spaß macht, zieht es ihn letztlich klar nach draußen. Für Will sind Routenbau und das Erschließen von Bouldern im Freien zwei Seiten derselben Medaille: Beim Schrauben entstehen alle Ideen im eigenen Kopf, beim Outdoorbouldern hingegen ist das »Rätsel« bereits vorgegeben und muss entschlüsselt werden. Dieses Puzzle ist jedoch ungleich komplexer als jede Indoor-Route. An Projekten wie Realm of Tor’ment hat er über Jahre hinweg immer neue Lösungsansätze ausprobiert, Bewegungen verworfen, neu kombiniert und schließlich den richtigen Weg gefunden. Genau diese langfristige, fast meditative Auseinandersetzung mit einer Linie fasziniert ihn. »Ich liebe Sudokus und Puzzles«, erzählt Will – und genau deshalb macht ihm das Erschließen von Bouldern am Fels so viel Spaß.
Hier gehts zum Interview:
Wenn ihr noch mehr über die Evolution von Schwierigkeitsgraden, die Unterschiede zwischen Routenbau und Erschließung und Training von Outdoor-Boulderern wissen wollt, dann schaut euch das ganze Interview auf unserem Youtube Kanal an!
Das könnte dich interessieren:
+++
Credits: Titelbild: Kevin Altmann
Keep reading