2026-02-05 03:40:00
Ein Monat ganz ohne Social Media und sogar ohne Google: Für viele junge Erwachsene heute undenkbar. In einem Seminar der Universität Yale lässt sich eine Gruppe von Studentinnen und Studenten regelmäßig darauf ein. Sie gehen offline, um sich auf das kreative Arbeiten konzentrieren zu können.
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Die Essayistin Colleen Kinder gibt seit Jahren jeden Sommer einen Schreibworkshop in Südfrankreich. Vier Wochen lang arbeiten dort Studierende der Uni Yale unter Kinders Anleitung an eigenen Texten. Kinder fordert sie jedes Mal auf, während dieser Zeit auf ihre Smartphones zu verzichten, und die meisten sind einverstanden. Was dann passiert, davon ist Kinder so beeindruckt, dass sie nun internetfreie Zonen an jeder Universität fordert. Sogar einen internetfreien Campus kann sie sich vorstellen. Und damit ist sie nicht allein.
Snapchat dominierte ihr soziales Leben
Die meisten ihrer heutigen Studierenden seien um das Jahr 2004 herum geboren, schreibt Kinder in einem Gastbeitrag für die New York Times: „Sie hatten Telefone in ihren Händen, als sie gerade einmal in der zweiten Klasse waren, in der weiterführenden Schule dominierten Instagram und Snapchat ihr soziales Leben, und Tiktok und ChatGPT definierten ihre College-Jahre“, so Kinder.
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Sie habe erwartet, dass es jedes mit der Technik verbrachte Lebensjahr schwerer mache, sich von ihr zu trennen. Tatsächlich sei es einfacher geworden. Als sie 2017 erstmals die SIM-Karten eingesammelt habe, hätten sich viele Studierende nur ungern davon getrennt. Sie hatten sich weiterhin an ihre Telefone geklammert, weil sie damit Musik hören, Fotos machen oder sich sonstwie beschäftigen wollten. Im Jahr 2025 habe es keinen Widerstand mehr gegeben.
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Ganz im Gegenteil. Ihre Studierenden seien „hungrig“ danach gewesen, sich voll und ganz zu „disconnecten“ und vom Netz zu trennen. Während des Seminars schrieben sie ihre Texte an Computern ohne Wi-Fi-Verbindung. Nur für kurze Recherchen durften sie einen Laptop mit Internet nutzen. Auch in der Freizeit blieben die Smartphones aus: Statt wie sonst täglich mehrere Stunden in den Sozialen Netzwerken zu verplempern, erkundeten die Studierenden die Stadt oder machten Sport. „Meine Studierenden schwärmten davon, wie nah sie sich gekommen sind, gerade weil ihre Handys nirgends zu sehen waren“, berichtet Kinder.
Sie nahmen nicht nur bereitwillig an dem Experiment teil, sondern waren für die Erfahrung dankbar. Einem Studenten gelang es seit Langem erstmals wieder, sich auf die Arbeit zu konzentrieren – bis zu sechs Stunden am Stück. Vorher habe er wie besessen alle zehn Sekunden aufs Handy geschaut, erzählte er Kinder. Eine Teilnehmerin gab an, nun endlich wieder in Ruhe lesen zu können. Vorher habe sie oft versucht, schnell fertig zu werden, weil sie Zeit mit dem Handy verbringen wollte. Aber nicht nur die Arbeit fiel plötzlich leichter. Ein Student berichtete auch, wieder besser und tiefer zu schlafen.
Viereinhalb Stunden täglich am Handy
„Was ich in diesen vier Wochen erleben konnte, hat mich davon überzeugt, dass wir es den heutigen Studierenden schuldig sind, internetfreie Orte, Programme und Unterbringungen zu schaffen, und vielleicht sogar Campusse für Studierende, die sich ganz dem Lernen mit weniger Ablenkung widmen wollen“, schreibt Kinder.
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An Schulen setzen sich Handyverbote bereits immer mehr durch. Dabei schadet die ständige Ablenkung nicht nur Schülerinnen und Schülern: Im Alter von 19 Jahren, also dem Zeitpunkt, zu dem viele ein Studium aufnehmen, sind es junge Menschen heute gewohnt, mehr als viereinhalb Stunden am Handy zu verbringen. Zeit, die dafür fehlt, sich auf die Lerninhalte zu konzentrieren.
Smartphones strikt untersagt
In einer Erhebung der Internationalen Hochschule gaben Befragte bis zum Alter von 40 Jahren an, dass sie vor allem das Smartphone vom Lernen abhalte. Bis zum Alter von 25 Jahren wurde dabei explizit Social Media als Konzentrationskiller genannt. Schon allein die Tatsache, das Smartphone in Reichweite zu haben, beeinträchtigt die Konzentration und Aufnahmefähigkeit junger Menschen, wie Untersuchungen zeigen.
Auf den Punkt
Punkt 1: Smartphone Nutzung und das Internet stören die Konzentration.
Insbesondere junge Menschen sind betroffen, und zwar nicht nur Schüler, sondern auch Studierende.
Punkt 2: Für ein Seminar der Universität Yale gehen Studierende jeden Sommer einen Monat lang offline – mit gutem Erfolg.
Sie lieferten in dieser Zeit bessere Resultate, konnten sich in der Freizeit besser entspannen und schliefen besser, außerdem wirkte es sich positiv auf ihre sozialen Kontakte aus.
Punkt 3: Einige Lehrkräfte fordern, an Universitäten internetfreie Bereiche für analoges Lernen und analoge Prüfungen einzurichten.
Das soll den Studierenden helfen, sich endlich wieder richtig zu konzentrieren und könnte außerdem Fälschungen durch die Nutzung von ChatBots verhindern.
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Ein Komplettverzicht, der sich auf die gesamte Freizeit ausdehnt, wäre im Studienalltag auf Dauer schwer umzusetzen. Erfolge zeigen sich aber auch schon dann, wenn ein Handy- und Internetverzicht während des Unterrichts konsequent durchgesetzt wird. So schildert der Medizinethikprofessor Ezekiel J. Emanuel von der Universität Pennsylvania, wie er in einem Kurs die Benutzung von Smartphones und Computern strikt untersagt hat. Telefone mussten abgeschaltet und außer Sichtweite aufbewahrt werden. Die Studierenden durften allenfalls einen elektronischen Schreibstift benutzen, um sich Notizen zu machen, oder sie nutzten dafür ganz klassisches Papier.
„Universität der Zukunft“?
Zu Beginn des Kurses präsentierte Emanuel eine Studie: Demnach wird Lernstoff besser verarbeitet und abgespeichert, wenn Notizen per Hand und nicht mit der Tastatur getätigt werden. Wie der Professor in der New York Times schreibt, erlebte er die Seminarteilnehmenden als aufmerksamer, weniger abgelenkt und engagierter. Auch die Rückmeldungen der Studierenden zu dem Seminar waren positiv ausgefallen. Sie gaben an, besonders viel gelernt zu haben. Emanuel spricht sich dafür aus, dass Studierende ihre Smartphones vor dem Beginn aller Vorlesungen wegschließen sollen.
Colleen Kinder schwebt noch etwas anderes vor. Sie verweist auf das Konzept der „Universität der Zukunft“, das der Autor und Historiker Niall Ferguson entwickelt hat. Um zu verhindern, dass Studierende permanent abgelenkt und Denkprozesse und Hausarbeiten nur noch der KI überlassen werden, will er die Universitäten neu aufstellen.
Aufsätze schreiben mit Stift und Papier
So müsse es an jeder Uni einen Ort geben, an dem nur mit traditionellen Methoden und ohne elektronische Geräte gearbeitet werde. Studierende sollen dort mit Büchern und ausgedruckten Dokumenten lernen, Lernstoff diskutieren, mit Stift und Papier Aufsätze schreiben und mündliche und schriftliche Prüfungen absolvieren. Ganz ohne die Hilfe von Chatbots – und damit deutlich fälschungssicherer.
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Diesen geschützten Ort nennt Ferguson „Das Kloster“. Studierende sollen dort bis zu sieben Stunden pro Tag verbringen. Sie sollen das Kloster aber verlassen dürfen, um an einem anderen Ort (Ferguson nennt ihn „das Raumschiff“) für ausgewählte Zwecke KI und das Internet zu nutzen.
Lehre funktioniert auch offline
Dass die Lehre an der Uni bei guter Organisation auch weiterhin offline funktionieren kann, hat 2019 ein Vorfall an der Justus-Liebig-Universität Gießen gezeigt. Durch eine Schadsoftware waren deren Server wochenlang lahmgelegt worden. Also wurde improvisiert: Weil der Zugriff auf viele digitale Inhalte und uni-interne E-Mail-Adressen nicht mehr möglich war, setzte man auf analoge Lehrmethoden und Präsenzveranstaltungen.
In der Universitätsbibliothek wurden – ganz wie früher – Ordner mit ausgedruckten Materialien bereitgestellt, die Ausleihe wurde über ein Karteikartensystem organisiert. Lehrkräfte planten ihre Sprechstunden mit Aushängen an ihren Türen, die Studierenden tauschten Dokumente untereinander aus.
Dabei empfanden einige von ihnen das Ganze als angenehme Erfahrung. So berichtete eine Studentin im Interview mit dem Spiegel, durch den Vorfall seien „alle näher zusammengerückt“, auch weil sie viel mehr persönlich miteinander geredet und deutlich öfter telefoniert hätten als sonst.
Wohnheime ohne W-LAN
Kinder würde sogar noch weitergehen: Studierende sollten zum Beispiel in „Offline-Kursen“ einen Vertrag unterzeichnen, in dem sie sich verpflichten, für eine gewisse Zeit ganz auf Smartphones zu verzichten, schreibt sie. Und weiter: „Ich kann mir vorstellen, dass ihnen Klapphandys (auffällige Modelle, um Identität und Kameradschaft zu fördern) ausgehändigt werden, zusammen mit Laptops, auf denen außer Textverarbeitungsprogrammen nichts installiert ist (oder zumindest der Zugriff auf soziale Medien gesperrt ist).“
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Außerdem stelle sie sich einen „Computerraum alter Schule” vor, in dem die Studierenden pro Woche eine begrenzte Anzahl von Stunden Internetzugang haben.
Gelingen könne der Internetverzicht vor allem gemeinsam, da sind sich Kinder und anderen Experten und Expertinnen einig. Denn nur so lässt sich verhindern, dass sich einzelne ausgeschlossen und abgekoppelt fühlen. Daher müsse man Angebote für Gruppen schaffen.
An einigen Universitäten gebe es heute bereits „substance free“ Wohnheime. Deren Bewohner erklären sich freiwillig dazu bereit, dort auf Alkohol und Drogen zu verzichten. Kinder findet, spezielle Wohnbereiche müsse es auch für Studierende geben, die offline gehen wollen. Damit sie gemeinsam das schaffen können, was heute allein „fast unmöglich“ sei.