Violence Erupts at Thalia Theatre: From Laughter to Shock

2026-02-08 14:10:00

AUDIO: “Violenza” im Thalia Theater: Erst Gelächter dann der Schock (4 Min)

Stand: 08.02.2026 12:09 Uhr

“Violenza” heißt das Gastspiel aus Graz bei den Hamburger Lessingtagen über fünf junge Männer, die das Ende der liberalen Demokratie fordern und glauben, bald in der Mehrheit zu sein. Drei Theatermacher haben dafür im rechtsradikalen Milieu recherchiert und eine Performance entwickelt.

von Katja Weise

Es beginnt harmlos: Ein junger Mann spielt Mozart, ein anderer – streng frisiert, ordentlicher Anzug – versucht mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen, über das Leben, die Familie:

Wer von Ihnen hat denn bereits Enkelkinder? Darf ich Sie fragen, wie viele Enkelkinder? Vier? Ist das schön oder nur anstrengend?

Szene aus “Violenza”

Dann geht es um Lieblingslieder aus der Kindheit. Tradition, Familie, das sei wichtig. Oder? Brav danken die fünf jungen Männer, die sich inzwischen auf der Bühne eingefunden haben, schon mal vorab fürs Zuhören. Und dann sind wir alle ganz schnell mittendrin. Plötzlich wird die Nationalhymne gesummt und die fünf an ihren Mikrofonen dozieren über “Volkswillen”, Demokratie, “Rasse”, das Verhältnis der Geschlechter Mann und Frau, die lästige Genderdebatte und das viel diskutierte “Stadtbild”.

“Violenza”: Publikum ist schockiert und verunsichert

Nach anfänglichem Gelächter herrscht zunehmend Irritation im Zuschauerraum. Als eine Schweigeminute für den bei einem Attentat getöteten Rechtspopulisten Charlie Kirk gefordert wird, erheben sich Stimmen aus den hinteren Reihen, Antifa-Rufe “Alerta, alerta” werden laut. “Ich saß häufig da und hatte die Hand vor dem Mund und war total schockiert”, sagt eine Zuschauerin nach der Aufführung. “Ich bin froh, dass ich nicht meine Schuhe ausgezogen habe und sie auf die Bühne geschmissen habe, weil ich wusste, dass ich im Theater bin”, eine andere. Doch alles wirkt täuschend echt. Wie dazu eine Haltung finden?

“Das goldene Zeitalter wird wiedergeboren”, heißt es auf der Bühne. “Wollen wir nicht … buh”, tönt es aus dem Publikum. Ein Zuschauer kommt auf die Bühne und fragt, wie lange er sich das noch anhören soll. Die Jacke in der Hand. Keine Reaktion, er geht wieder ab. “Ich habe sowas noch nie erlebt – in der Form, dass das ganze Publikum sich nicht mehr sicher ist, ob das echt ist oder nicht”, meint ein Zuschauer im Anschluss.

Eine Schauspielerin hält eine Plastikpuppe auf einer Theaterbühne hoch

Das vieldiskutierte Stück “Attack on the National Stary Theatre” gastiert bei den Lessingtagen am Thalia Theater in Hamburg.

Performance trifft ins Mark und erschüttert

Diese Performance trifft ins Mark und erschüttert. Sie zeigt auf verstörende Weise, wie Demokratie mit den eigenen Mitteln ausgehöhlt werden kann – schleichend. Die jungen Männer auf der Bühne reden sich im Verlauf zunehmend in Rage, feiern ihre Männlichkeit, die endlich wieder etwas gilt. Die Schauspieler ergehen sich, unterstützt von einem Ensemble muskulöser Tänzer, in Kraftposen, aus denen Kämpfe mit Kriegsgeschrei werden.

Am Ende schlägt die Performance den Bogen ins Jahr 1933, das Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Einer der Schauspieler zitiert aus Ernst Tollers “Eine Jugend in Deutschland” und verbrennt anschließend das Papier. Auch damals wurden die Schriften Tollers verbrannt – er ging ins Exil. Am Ende der Aufführung heißt es: “Gehen Sie nach Hause. Denn morgen geht es erst richtig los.” Gänsehaut. Schleppender Applaus. Vom Ensemble kommt keiner mehr auf die Bühne – sie bleibt leer. Ein starker Abend.

Eröffnung Lessingtage mit "Mothers"

Beim Festivalauftakt am Hamburger Thalia Theater rückt der Krieg mit “Mothers – A Song for Wartime” schmerzhaft nah.

Personen sitzen in einer Sofaecke

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema “Postpopulismus” durch das Programm am Hamburger Thalia Theater.

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